Die für ihre Thermen und Badekultur berühmte römische Antike hat teils beeindruckende Zeugnis hinterlassen. Ein Beispiel sind die konstantinischen Thermen in Arles, die aufgrund ihrer Größe lange Zeit für einen Palast gehalten wurden, bis man erkannte, dass es sich um eine Badeanstalt aus dem 4. Jahrhundert u.Z. handelt.


Ich bin auf teils widersprüchliche Angaben gestoßen, was die „Badeordnung“ betrifft. Das gemeinsame Baden von Männern und Frauen scheint üblich gewesen zu sein. Wobei es auch Fälle gab, in denen Frauen und Männer unterschiedliche Badezeiten hatten. Auf einen solchen Fall bezieht sich die provozierende Überschrift dieses Beitrags, die übrigens geklaut ist von einem Beitrag in einer wissenschaftlichen Publikation: „Waren Frauen in der Römerzeit schmutziger als Männer? Überlegungen zur Eintrittspreisgestaltung in römischen Thermen“ von C. Sebastian Sommer, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg, Bd. 21 (1996).
Der Autor stellt darin Überlegungen zu einer in Südportugal gefundenen, beschrifteten Bronzetafel aus dem 2. Jahrhundert u. Z. an. Auf ihr ist eine Art Bäderordnung festgehalten – allerdings nicht für die Badenden, sondern für das Bäderpersonal. Unter anderem geht es um die Füllhöhe der Becken, den Eintrittspreis und die Badezeiten.
Frauen durften in dem betroffenen Bad vormittags und mittags baden. Männer durften nachmittags und abends baden. Das könnte man für eine Benachteiligung der Frauen halten, denn die Nachmittags- und Abendzeiten waren gesellschaftlich beliebter. Wer hatte vormittags schon Zeit, im Bad zu fläzen?
Eine weitere Benachteiligung könnte man im Eintrittspreis sehen, der war nämllich auch nach Geschlecht differenziert. Männer zahlten die Hälfte vom Fraueneintritt. Mancher Wissenschaftler begründete dies mit den langen Haaren und der „mangelnden Menstruationshygiene“ der Frauen – ganz nach dem Motto, die machen alles schmutzig, die müssen für die Reinigungsarbeiten zahlen. Folglich könnte man wegen der unattraktiven Badezeit und den erhöten Eintrittspreis vermuten, dass Frauen weniger häufig badeten und deshalb schmutziger waren.
Dem widerspricht Sommer in seinem Beitrag und stellt eine ganz andere Hypothese auf: Das Badewasser wurde tagsüber nicht ausgewechselt (es wurde nur das übergelaufene Wasser ersetzt) und aus Zeitgründen konnte neues Wasser nur nachts erhitzt werden und das alte verschmutzte Wasser ersetzen. Sprich: morgens war das Wasser nicht nur am saubersten, es war auch am wärmsten. Im Laufe des Tages bis zum Ende der Badezeit wurde es immer trüber, schmutziger, kühler. Gell: Das erinnert an die samstäglichen Badewannen-Rituale, die bis in die 1960er Jahre (oder sogar noch länger?) in vielen Familien üblich gewesen sein sollen.
Frauen wären demnach nicht benachteiligt gewesen, im Gegenteil: Sie konnten sich in sauberem warmen Wasser eher reinigen – waren also eben gerade nicht schmutziger. Und sollten deshalb das Doppelte zahlen. Und: dieses Doppelte war noch immer ein „Spottpreis“ für einen Badebesuch, kann also kaum als Prohibitivpreis verstanden werden.
Der Autor kann dafür keine Quellen nennen (und räumt dies auch ein), trotzdem überträgt er die Badeordnung die (einmalig) in Südportugal gefunden wurde auf andere Teile des röämischen Reiches und kommt verallgemeindern zum Schluss: „Dementsprechend ist eine ähnliche Regelung wie in Vipasca auch für die meisten Orte z. B. in Obergermanien und Rätien zu erwarten, mit höheren Eintrittspreisen, aber sauberem, heißem Wasser für die Frauen am Vormittag und günstigeren Tarifen sowie interessanteren Öffnungszeiten, aber einer gewissen Trübung im nur aufgefüllten Becken für die Männer am Nachmittag oder Abend.“